Wo Mein Herz Schlägt

Eine Vagabundin, so stark und zugleich zerbrechlich wie eine Wildblume in der Prärie. Ein Cowboy, rau und wild wie das Land, dem er seine Seele verschrieben hat. Eine Frau mit rosa Cowboyhut auf einer Mission und ein ungehobelter Spanier, der ihr das Leben zur Hölle macht. Sie alle haben etwas gemeinsam – sie starten in ein neues Leben auf einer Ranch, die sie für immer verändern wird, jedoch ist ihr Weg ins Glück von Stolpersteinen übersät. Eine Geschichte von Heimat, Liebe, Vertrauen und tiefen Ängsten.


Fakten

Verlag: Books on Demand

Genre: Roman

Sprache: Deutsch

Umfang: 320 Seiten

Erscheinungsdatum: 27.12.2016

ISBN-Nummer: 978-3-743-14271-8

Erhältlich als Taschenbuch und E-Book!




Leseprobe

 

Mona

 

 Wenn ich aus diesem Auto aussteige, bin ich in meinem neuen Zuhause.

 

Das Wort „Niederlassen“ bereitete mir Bauchschmerzen. Ich war wohl eine der letzten noch lebenden Zigeunerinnen. „Sesshaft werden“ war für das fahrende Volk schon immer ein Horror gewesen. Was sie liebten war die Freiheit, die Ungebundenheit – selbst der schönste Ort auf Erden konnte sie nicht halten. Sie waren freiheitsliebende Geister, die mal hier, mal dort vorbeikamen und ungeachtet und ungestört von den anderen lebten. Versunken in ihrer ganz eigenen Welt reisten sie über das Land, der Horizont war ihre Heimat und es gab nichts schöneres als ihm Tag für Tag entgegen zu gehen. Nun, ich wanderte zwar nicht mit meinem Pferd und einem Planwagen über die Felder, aber ich war wohl das, was einer Zigeunerin in der heutigen Zeit am nächsten kam. Ich hatte mein Auto, meinen Anhänger, mein Pferd und den Horizont. Ein Zuhause gab es in dieser Hinsicht nicht, aber ich war schon immer der festen Überzeugung, dass ich es nicht brauchte. Ich war glücklich mit meiner Ungebundenheit, die Freiheit war alles was ich zum Leben brauchte.

 

Wenn man das Ganze so betrachtete, wurde mir diese in den nächsten Minuten genommen, und doch fuhr ich direkt darauf zu. In meinem Kopf hatte ich mir ein paar fahle Pläne zurechtgelegt, die noch nicht richtig Gestalt angenommen hatten, aber sie rechtfertigten, dass ich heute auf dieser Straße hier fuhr. Es war alles arrangierbar, sagte ich mir, ich musste nicht immer Daheim sein. Vielleicht deckte ich mich so mit Arbeit zu, dass ich gar nicht bemerkte, dass ich die Schwelle meiner Haustüre seit Wochen nicht überschritten hatte. Vielleicht bekam ich schnell ein gutes Team auf die Beine und konnte mein Leben wie bisher weiterleben und die Ranch lief von alleine. Oder irgendetwas anderes in der Art.

 

Mein heißgeliebter Geländewagen, ein Dodge Ram 3500 mit Doppelbereifung - weshalb er auch noch höher gelegt hatte werden müssen, um Platz für die Monsterräder zu machen - schnurrte zufrieden dahin. Wenn der Ausdruck eigentlich „zufrieden schnurren wie eine Katze“ hieß, muss man ihn für diesen Fall wohl leicht abwandeln in „zufrieden grummeln wie ein Grizzly“. Weit entfernt von „Monstertruck“ – wie ihn auch viele nannten – war er nicht. Gut, zugegeben, das Maschinchen war ein wenig protzig, aber es war eine der wenigen größeren Investitionen die ich mir in den letzten x Jahren geleistet hatte. Ich liebte große Autos und der Spaß, wenn die Männer sahen wie eine vergleichsweise zierliche Frau so ein Ungetüm fuhr, war es allein schon  wert. Davon abgesehen war mein Dodge nicht einfach nur protzig, er hatte durchaus seine Aufgabe und seinen Sinn. Es war schon oft genug vorgekommen, dass ich mich und meinen Anhänger aus einer misslichen Lage retten konnte, wo andere Geländewägen schon lange versagten. All das hatte ich mir zurechtgelegt um den eigentlichen Grund so gut wie möglich zu verdrängen. Dieses Auto gab mir Sicherheit, ich fühlte mich stark darin. Und Gott weiß, dies waren die zwei Dinge nach denen ich nach allem was geschehen war am meisten strebte.

 

Apropos Anhänger. Der war auch alles andere als klein. Mit Platz für fünf Pferde und einem integrierten Miniwohnwagen hatte auch er schon so manchen Bauklötze starren lassen. Aber hier ist es das Gleiche – er ist notwendig. Schließlich kam es nicht selten vor, dass ich mehrere Pferde im Gepäck habe und irgendwo übernachten musste, wo es entweder keine Übernachtungsmöglichkeit gibt oder wo ich mir einfach einmal die Kosten für eine solche sparen konnte Das rechnete sich mit der Zeit durchaus, schließlich war ich ja eine Zigeunerin der neuen Zeit und wollte nicht jede Nacht unter freiem Himmel verbringen.

 

Mein größter Schatz jedoch befand sich im Anhänger, ein neunjähriger Wallach namens Strider. Der hübsche Paint war mein Ein und Alles, es gab so gut wie nichts was ich nicht für ihn aufgeben würde, denn genau genommen war er mein bester – und auch einziger – Freund. Ich hoffte, dass auch ihm das Rumreisen nicht fehlen würde, wobei ich das nicht glaubte. Mit Sicherheit freute er sich ein wenig Ruhe zu haben und sich mal an eine Heimat außerhalb seines Anhängers gewöhnen zu können. Solange ihm das nicht zu langweilig wurde, wie mir unter Umständen... Fast hatte ich ein wenig Angst davor, dass es ihm dort zu sehr gefiel, denn wenn es mir das nicht tat stand ich vor einer Zwickmühle, die mir schon allein in der Vorstellung so gar nicht gefiel. Mein Pferd hatte schon immer gewisse Rechte und ich würde ihn nicht aus reinem Egoismus von einem Ort wegreißen, den er seine Heimat nannte, so sehr ich ihn auch liebte – oder genau weil ich ihn so sehr liebte.

 

Während die Gedanken in meinem Kopf schon weit vorauseilten, zog außerhalb der Fensterscheiben eine wunderschöne Landschaft vorbei. Weite Ebenen, Wälder, einen See hatte ich auch schon erspäht. Die letzte Stadt, Hope, lag schon eine gute Stunde zurück und bisher war ich nur über ebenes Terrain gefahren. Laut der Wegbeschreibung dürfte es nicht mehr allzu weit sein. Das Schöne an der Sache war, dass ich mich nicht verfahren konnte, denn es gab schon lange keine Abzweigungen mehr und bis zur Ranch führte nur eine einzige Straße immer nahezu geradeaus.

 

Jetzt befanden wir uns zum wiederholten Male in einem Nadelwald mit hohen Bäumen und von diesem Augenblick an beschlich mich plötzlich ein ganz merkwürdiges Gefühl, das ich noch nicht deuten konnte. Im Nachhinein fühlte es sich an, als hätte das Land während ich näher kam langsam nach meinem Herzen gegriffen.

 

Eine weitere kleine halbe Stunde verstrich, in der ich nichts mehr zu sehen bekam außer Wald. Der Tachoanzeiger blieb stetig auf einer Zahl stehen und wäre ich nicht so aufgeregt und skeptisch dem Ganzen gegenüber, wäre ich wohl irgendwann müde geworden. Doch dazu kam es ganz und gar nicht, denn von einer Sekunde auf die andere lichtete sich der Wald und für ein paar Herzschläge lang war ich geblendet von der hellen Mittagssonne. Was für ein Anblick sich mir bot, als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, war fast unbeschreiblich. Vor mir, ein wenig tiefergelegen, befand sich eine Bilderbuchranch, eingebettet in eine Landschaft, die einem allein schon den Atem nahm. So gut wie alles war weitläufig vom Wald umschlossen, als wäre es eine riesige Lichtung, die fast bis an den Horizont reichte. Die Koppeln erstreckten sich so weit, dass ich mich schwer tat, das Ende auszumachen. Das Gras war überall in sattes grün getaucht und die Sonne verstreute goldenes Licht über die gesamte Aussicht. Der Holzzaun erstreckte sich ewig weit über die Ebene. Ein gutes Stück entfernt ragten die Gipfel von Bergen hervor, die herrliches Ausreitgelände versprachen. Nachdem ich eine weitere Viertelstunde am Zaun entlang gefahren war, zog neben mir eine Trauerweide nach der anderen vorbei, bis ich mich auf zwanzig Meter der Ranch genähert hatte.

 

Mein Mund stand wohl ebenso schon eine Viertelstunde lang offen und tat es immer noch, als ich mitten in den Hof einfuhr und nahezu apathisch den Motor ausstellte. Ich hatte die Parkfläche einfach ignoriert, denn erstens war ich hier sowieso allein und zweitens war sogar neben meinem Riesengefährt zwischen all den Gebäuden noch genügend Platz für eine ganze Reihe an Autos. So groß war allein schon der Innenhof! Ich zog am Türgriff, wodurch die Tür aufsprang, und stieg ehrfürchtig und mit großen Augen aus. Direkt vor mir war ein großes Holzhaus, eine Art Blockhütte von der Größe eines Wohnhauses, dessen Holz eine helle Farbe hatte. Es hatte einen Balkon, Fenster, eine Haustür – eigentlich nichts Besonderes, und doch hätte ich alleine dieses Gebäude stundenlang betrachten können. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Rechts davon befand sich ein langgezogenes Wohngebäude und links davon war ein ebenso länglicher Stallgebäude. Zwischen dem Haus, welches ich rein intuitiv als Haupthaus – mein Haus - bezeichnet hätte, lugte ein Roundpen hervor und hinter mir war ein weiteres Stallgebäude, das etwas kleiner war als das andere. Hinter all dem befanden sich die Koppeln und diverse andere Einrichtungen.

 

Zuerst war natürlich das Pferd dran. Immer noch staunend und zutiefst gerührt, aus einem Grund, den ich mir selbst nicht erklären konnte, ging ich zum Anhänger und öffnete die vordere Tür. In mir war eine seltsame Stille eingekehrt, eine noch ungekannte Ruhe, tief im Herzen, gemischt mit einer Spur Ehrfurcht. Strider hatte ausnahmsweise schon aufgehört an seinem Heunetz zu zupfen, was sonst in der Regel nicht der Fall war. Doch auch er schien mir anders, seine Ohren waren gespitzt, die Augen in die Ferne gerichtet. Kurz studierte ich ihn, dann band ich ihn los und machte ihm den Weg frei. Den Bruchteil einer Sekunde reagierte er nicht, dann kam er plötzlich heraus, als hätte er sich selbst aus einer Trance gerissen. Normalerweise wenn wir irgendwo ankamen sah er sich, nachdem er festen Boden unter den Hufen hatte, kurz entspannt um, dann erwartete er entweder etwas von mir oder er suchte sich ein Grasbüschel. Doch nicht heute. Mit angespannten Muskeln stand er da, den Kopf hoch erhoben, ebenso wie den Schweif, sein Blick untersuchte jede Kleinigkeit, die ihn umgab, die braunen Augen wie die eines Adlers. Er war kein großes Pferd, schließlich war er ein Paint, und es kam selten vor, dass er so imposant wirkte, doch anscheinend konnte er die spanischen Vorfahren manchmal recht gut herauskehren, wenn er es wollte. Gerade wollte ich anfangen, mir Sorgen zu machen, als er schnaubte, die dunkle Mähne leicht schüttelte und mich anstupste. Etwas irritiert fuhren meine Finger unter seine Mähne und strichen über den muskulösen Hals.

 

„Na dann suchen wir dir doch mal ein schönes Plätzchen“, meinte ich, um die seltsame Situation von eben zu lösen. Ein komischer Ort war das hier…

 

Der Sand knirschte unter unseren Füßen und der Strick hing locker durch, als wir den länglichen Stall ansteuerten, der laut Plan der ehemalige Hengststall gewesen sein musste. Fast ein wenig ehrfürchtig stand ich vor dem großen Tor, betrachtete das rot lackierte Holz einen Augenblick lang, hob schließlich den Eisenriegel hoch und öffnete eine Hälfte der großen Tür nach außen. Neugierig ging ich hinein, soweit, dass Strider auch Platz hatte. Sofort umhüllte mich die für einen sauberen Stall typische Wärme und Geborgenheit. Vereinzelte kleine Lichtstrahlen quetschten sich durch die Spalten im Holz und ließen die Staubpartikel glitzern. Das Pflaster war sauber gekehrt, die Boxen leer, das Holz alt und alles in allem sah es hier drinnen aus wie in einem uralten Wildwestfilm. Am Ende war ein Loch in der Decke, aus dem Heufetzen hingen, was darauf hindeutete, dass oben ein Lagerplatz war. Zu unserer Rechten war eine abgetrennte Kammer, die Sattelkammer, wie ich vermutete, und dahinter, am anderen Ende der Wand, waren Putzplätze eingerichtet, die durch Stangen getrennt waren.

 

Ich war so hingerissen, dass ich das dritte Lebewesen hier drinnen erst bemerkte, als ein hübscher, interessiert guckender Paintkopf über einer Boxentür auftauchte und leise grummelte, eine Art Miniaturwiehern. Ungläubig ging ich zur letzten Box nach hinten und war mehr als erstaunt, dort ein Pferd vorzufinden. Mit ein paar Strohhalmen im Maul hob es den Kopf, sah uns eine kurze Weile an und suchte dann weiter den Boden ab.

 

„Toll, Hidalgo steht in meinem Stall“, stellte ich mit ironischem Unterton fest.

 

Was zur Hölle tat dieses Pferd hier? Es war sicher keines, das hier irgendwer wie ein nicht gewolltes Baby auf die Schwelle gelegt hatte, denn schon allein der Farbe wegen musste es einiges wert sein und dem Körperbau zufolge war es ein reinrassiges Paint Horse, so wäre zumindest meine Einschätzung. Das Fell war weiß und braun gesprenkelt wie von dem Filmstar Hidalgo aus dem gleichnamigen Film, ein kleiner, wohlgeformter Kopf, kluge schwarze Augen und eine orangebraun und weiß gestreifte Mähne.

 

Plötzlich schoss ein weiterer Pferdekopf in der nächsten Box nach oben, der uns anscheinend erst jetzt bemerkt zu haben schien. Ein hübscher Buckskin, beiges Fell und dunkelbraune Mähne, mit einer langen weißen Blesse und äußerst aufmerksamen Augen.

 

„Eigentlich heißt er Bobby.“

 

Ich fuhr herum, die fremde Männerstimme kam vom Eingang des Stalles. Dort stand, lässig an die Tür gelehnt, ein Mann, etwas älter als ich, wahrscheinlich Anfang dreißig. Er trug eine Jeans, ein rötlichbraun kariertes Hemd, dessen obere Knöpfe offen standen und einen dunkelbraunen Hut, der perfekt zu seiner Augenfarbe passte. Mir blieb das Herz stehen, denn ich war mir nicht sicher ob das hier Wirklichkeit war oder ob ich mich nur einer äußerst gutaussehenden Fatahmorgana gegenüber sah.

 

Immer noch etwas stutzig fragte ich: „Und wer sind Sie? Hopkins?“ Frank T. Hopkins war der Reiter des besagten Hidalgos gewesen.

 

„Nein“, kam die Antwort.

 

Mit erwartungsvoller Miene sah ich ihn an, schließlich war klar, dass er mir zu erklären hatte, wer er war und was er hier tat. Aber er sagte nichts.

 

Somit ergriff ich wieder das Wort: „Was Sie nicht sagen, stimmt, jetzt erinnere ich mich wieder, Hopkins ist ja schon tot. Genauso wie dieser Fremde, der da in meinem Stall steht, es gleich sein wird.“

 

...und der nichts tut, als dumm zu grinsen, hätte ich beinah noch hinzugefügt. Denn er sagte wieder nichts und sah mich nur mit so einem „sie ist so süß wenn sie sich aufregt“-Lächeln an. Seine Art und Weise war ein wenig ungewöhnlich, denn eigentlich gab es dieses Lächeln nur bei Menschen die sich schon lange kannten, ich aber hatte keine Ahnung wer er war.

 

„Also wer zur Hölle nochmal sind sie?“

 

Eindringlich sah ich ihn an, erwartete jetzt definitiv eine Antwort von ihm.

 

„West. Riley West.“

 

Ich seufzte und ließ meinen Blick noch einmal über ihn schweifen. Während ich die muskulösen Arme musterte, seine aus meiner Sicht nicht gerade geringe Größe und die übernatürliche Gelassenheit, mit der er das alles nahm, kam mir ein beängstigender Gedanke. Was, wenn er ein Verrückter war? Meine Augen zuckten schnell durch das Gebäude und suchten nach irgendetwas, womit ich mich im Zweifelsfall verteidigen könnte.

 

Da lachte er plötzlich.

 

„Denken Sie ich will sie angreifen?“

 

Während ich sprach ließ ich meinen Blick unterschwellig noch immer über den Boden gleiten und entschloss mich für das Sattelzeug als Waffe, das da hinten einsam und verlassen hing.

 

„Nun, ich weiß nicht was ich denke. Mir wurde gesagt, dass, wenn ich ankomme, hier kein Tier und kein Mensch mehr sein würden. Ich wäre also ganz alleine. Zuerst finde ich zwei Pferde vor und nicht einmal eine Minute später sehe ich mich einem Fremden gegenüber, der mir seine Identität vorenthält und auch sonst nicht sagt was er will oder was er hier tut. Also ich finde das sind durchaus Argumente dafür, dass ich mir über die Möglichkeit, Sie seien ein Verrückter, Gedanken machen darf.“

 

„Achso.“

 

„Herrgott nochmal, würden Sie mir jetzt bitte sagen, wer Sie sind?“

 

„Habe ich doch schon, Ril...“

 

„Ja ihren Namen weiß ich bereits. Was tun Sie hier?“

 

„Nun ja, ich passe auf die Ranch auf.“

 

„Sie passen auf die Ranch auf? Wer hat ihnen das aufgetragen?“

 

„Na ja...“

 

„Also sind sie ein ehemaliger Angestellter von Jack Manfredi?“

 

„Sozusagen.“

 

Ich stöhnte: „Ja oder nein?“

 

„Also... ja.

 

„Schön.“

 

Gott war es schwer aus diesem Typen etwas herauszubekommen.

 

„Dann erklären Sie mir bitte, was Sie noch hier machen.“

 

Er stieß sich vom Türrahmen ab, ich machte den Ansatz einer Rückzugsbewegung, die er aber nicht wahrnahm, glaubte ich zumindest. Denn er blieb an Ort und Stelle stehen und starrte seine Hände an, die er wie zur Beruhigung knetete.

 

„Also... na ja...“, nahezu schlagartig hob er den Kopf und sah mich an, „Ich wollte Sie fragen ob ich bei Ihnen arbeiten dürfte.“

 

„Ob Sie...“

 

Das durfte doch nicht wahr sein! Warum hatte ich darauf bestanden, dass hier keiner ist, wenn ich herkomme? Nicht damit dann so ein Typ wie er vor mir steht und fragt, ob er übernommen wird. Ich hoffte nur, dass er der einzige war, der noch hier geblieben war.

 

„Nun ja, unter Betrachtung der gegebenen Tatsachen, die wären, dass sie mit Abstand den schlechtesten ersten Eindruck seit langem hingelegt haben und ich jetzt nicht auf die Idee gekommen wäre, dass dies hier ihr Bewerbungsgespräch hätte sein sollen – nein.“

 

Dem Ganzen schickte ich noch ein bekräftigendes, freundliches Lächeln hinterher.

 

„Aber... aber, wieso denn nicht? Sie brauchen doch jemanden, der Ihnen hier hilft und der sich auskennt und...“

 

„Ein einzelnes Pferd werde ich schon allein versorgen können. Apropos, wem gehören eigentlich die beiden Pferde?“

 

„Mir.“

 

„Ihnen?“, ich staunte nicht schlecht, „Muss ja ne Stange Geld gekostet haben.“

 

„Nicht wirkl...“

 

„Na ja egal. Sie werden jedenfalls nicht hier arbeiten. Ich habe darauf bestanden, hier alleine zu sein, wenn ich ankomme, damit ich mich eingewöhnen kann. Himmel nochmal, ich weiß noch nicht einmal wie mein eigenes Haus von innen aussieht und ich will hier niemanden haben, der mir beim Eingewöhnen zusieht.“

 

„Oh, machen Sie sich keine Sorgen, ich störe Sie sicher nicht. Davon abgesehen könnte ich Ihnen ja alles zeigen. Ich kenne mich hier äußerst gut aus, ich kann Sie rumführen und es schadet mit Sicherheit nicht, zu wissen, wie es vorher alles gemacht wurde und wo man sich durch ein paar Tricks und Ideen etwas einsparen kann. Glauben Sie mir, ich kenne jeden Zentimeter dieser Ranch besser wie meine Westentasche, einen besseren Führer können Sie gar nicht finden.“

 

„Ich habe auch gar keinen gesucht.“

 

„Bitte, Miss, geben Sie mir eine Chance!“

 

„Ähm... Sie hatten gerade schon Ihre Chance...“

 

„Aber jeder verdient doch eine zweite Chance?“

 

Ich holte tief Luft und atmete wieder aus. In was für einem Film war ich hier? Es war mit Sicherheit nicht meiner, der war nämlich ganz anders geplant gewesen, dieser Riley war definitiv nicht im Drehbuch vorgekommen. Da war ich mir absolut sicher. Mit verzogenem Mund hob ich den Kopf wieder und sah ihn an – er hatte mit Abstand die schönsten Augen, die ich seit langem gesehen hatte. Wenn nicht seit immer.

 

„Hören Sie“, er senkte seine Stimme ein wenig und sah mir fest in die Augen, „Wir suchen jetzt eine geeignete Unterkunft für Ihr Pferd, dann gehen wir in die Küche und trinken einen Kaffee. Anschließend führe ich Sie durch das Haus und wenn Sie dann noch Lust haben, kann ich Ihnen noch anderes auf der Ranch zeigen, alles werden wir an einem Tag nicht schaffen.“

 

Ein paar Sekunden des Schweigens verstrichen in denen wir uns ansahen, und ich war mir nicht sicher, ob sie nicht ein wenig zu lang andauerten.

 

„Feuern können Sie mich dann immer noch“, fügte er verzweifelt hinzu.

 

„Na gut. Na gut, meinetwegen. Aber ich sage Ihnen-“

 

„Am besten Sie stellen ihren Wallach gleich neben meinen, dann fühlt er sich nicht einsam.“

 

Ich sah zu der Box, doch bevor ich seinen Vorschlag annahm, sah ich ihn noch einmal warnend an, woraufhin er nur die Augenbrauen hochzog und auffordernd in Richtung der besagten Box nickte. Ich fauchte leise und ging mit Strider weiter nach hinten. Die halbhohe Tür ließ sich nach dem Öffnen eines kleinen Riegels aufmachen. Während ich mich vergewisserte, dass hier alles in Ordnung war, führte ich den Schecken hinein und warf einen Blick auf die langen Zaunreihen, deren Ende ich gerade noch erkennen konnte. Diese begrenzten den Paddock, also den Auslauf, welchen jede Box hier hatte. An Platz war jedenfalls nicht gespart worden, denn Rennen konnten die energiegeladenen Tiere hier bis zum Umfallen. Da es aber noch nicht viele Pferde gab und die Wiesen und Zäune erst begutachtet werden mussten, würden die Pferde vorerst hier untergebracht.

 

„Wir...“, setzte ich an, als ich mich umdrehte und anmerken wollte, dass hier keine Einstreu war, als Riley bereits einen Sack Sägespäne auf den Boden fallen ließ und ihn nach einem kurzen Blick zu mir verteilte.

 

Hör auf mir einen Schritt voraus zu sein. Das hasse ich. Und genau deshalb wollte ich alleine sein. Fast schon bereute ich meine Entscheidung wieder, aber wenn ich einmal mein Wort gegeben hatte ,hielt ich es auch. Eine Zusage war eine Zusage und man sollte sie nicht machen wenn man sich einer Sache nicht sicher war. Tat man es doch, so wie ich eben, musste man eben mit den Konsequenzen leben. Und im Hinterkopf behielt ich nach wie vor, dass ich ihn immer noch feuern konnte. Das war so etwas wie ein Probelauf.

 

Letztendlich murmelte ich ein halbverschlucktes „Danke“ und nahm Strider das Halfter vom Kopf. Ich ging aus der Box und sah ihm zu, wie er die Einstreu inspizierte, schließlich die Ohren spitzte und nach draußen trabte. Sofort war das Hufgetrappel eines weiteren Pferdes zu hören, der Paint, Bobby, von nebenan und er führten erste Zaungespräche. Meine Augen leuchteten glücklich, während ich zusah, wie mein Ein und Alles seine neue Heimat erkundete.

 

„Wirklich schönes Pferd. Scheint mir ein wenig robuster als die üblichen Paint Horses.“

 

Riley war neben mir aufgetaucht, mir war es gar nicht wirklich aufgefallen. Hilfe, hat er etwa Ahnung von Pferden? Damit hatte er mehr gesehen und auf den Punkt gebracht als viele vor ihm.

 

„Tja, er ist aber ein Paint“, meinte ich, was im Grunde der Wahrheit entsprach, ihn aber ins Unrecht rückte – was eigentlich nicht der Wahrheit entsprach, denn es gab sehr wohl einen Grund, warum Strider leicht robuster wirkte als andere Paint Horses. Bei ihm schlugen die robusten spanischen Vorfahren sehr, sehr deutlich durch, da er aus einer speziellen Zuchtlinie entstammte.

 

Ich drehte mich um und hängte das Halfter an einen Haken an der Boxentüre.

 

„Nun, er stammt aber sicherlich nicht aus einer wohlbehüteten Zucht.“

 

Womit er ein weiteres Mal ins Schwarze traf. Klugscheißer. Langsam wandte ich mich ihm zu und zog eine Augenbraue hoch: „Wollen Sie Ihren ersten Eindruck wettmachen? Nun, dann muss ich sie leider enttäuschen, die Chance auf einen ersten Eindruck gibt es nur einmal. Und m-hm“, kam ich ihm schnell zuvor, als er etwas sagen wollte, „dafür gibt es keine zweite Chance. Verspielt ist verspielt.“

 

Er stieß sich von der Boxentür ab und ich erwartete, dass er etwas sagte, aber er ging nur stumm zum Ausgang. Dort jedoch blieb er stehen und sah mich über die Schulter hinweg an.

 

„Na dann werd ich mir mal Mühe geben, dass ich den zweiten nicht auch noch aufs Spiel setze.“

 

Dass das nicht das Versprechen für ein ehrliches Bemühen war, war irgendwie aus dem Ton herauszuhören.

 

„Wer sagt denn, dass...“ – Aber er war schon verschwunden. Wer sagt denn, dass du den zweiten nicht auch schon verspielt hast verdammt?, dachte ich den Satz zu Ende. Ich stieß die Luft aus und ging ihm hinterher – eine weitere Tatsache, die mich noch mehr aufbrachte.

 

Ich hatte mir das alles ganz anders vorgestellt. Ohne ihm. Allein, einsam und verlassen. Entspannt, einfach nur meine Ruhe habend. Aber nein...

 

 


Alejandro

 

 Ja, das war nicht sehr nett, aber Zuhause hätte ich es jetzt nicht mehr ausgehalten. Heute Nacht ging mein Flug und meine Mutter, Vollblutspanierin die sie war, hätte wohl längst eine Herzattacke erlitten. Es war besser, sie hatte mich nicht mehr vor Augen. Das war übrigens auch das letzte, was sie zu mir gesagt hatte. Nun ja, ich nahm das nicht so ernst - bei uns ging es immer etwas temperamentvoll zu, da durfte man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.

 

Abschied? Nun ja, den hatte ich mir anders vorgestellt. Oder nein - anders gewünscht. Insgeheim hatte ich schon gewusst, dass es wohl so oder so ähnlich enden würde. Ich hatte nur gehofft, dass ein einziges mal nur kein Drama daraus gemacht wurde. Diese Ansprüche waren wohl etwas zu hoch gesteckt, wanderte der einzige Sohn ja nicht jedes halbe Jahr aus, sondern - voraussichtlich - nur einmal in seinem Leben. Dass da bei den Eltern ein paar Amokläufe vorprogrammiert waren, war wohl unvermeidlich.

 

Was genau mich eigentlich dazu bewegte, den Kontinent zu wechseln und gewissermaßen in das Abenteuer meines Lebens zu starten, wusste ich nicht. Das war merkwürdig, schließlich ließ ich alles zurück was mir je wichtig gewesen war, doch in mir drin stand es schlichtweg fest. Einem Impuls folgend hatte ich meine Anfrage im Internet eingegeben und das Angebot einer Pferdetrainerin gesehen, die Angestellte für ihre Ranch suchte. Da schien plötzlich alles klar. Vorher hatte ich nie über Auswandern oder dergleichen nachgedacht. Dementsprechend plötzlich war es auch für meine Eltern gewesen.

 

Bis zum letzten Moment hatten sie versucht es mir auszureden, doch ohne Erfolg. Hätte ich meine Mutter bis zum Flughafen mitgenommen, hätte sie wahrscheinlich dort vor allen Leuten einen ihrer bekannten Heulanfälle bekommen. Indem ich früher die Kurve kratzte, als sie erwartet hatte, war sie natürlich wütender geworden als sie ohnehin schon war und so war der Abschied eine Mischung aus wüstem Geschluchze und verfluchenden, gekränkten Worten gewesen. Jedenfalls wusste ich jetzt, dass ich der schlimmste, undankbarste und ignoranteste Sohn der Welt war und ich nie wieder nach Hause kommen brauchte. Das hatte sie sicher auch nicht so gemeint…

 

Jetzt saß ich jedenfalls in einer Bar um die Zeit totzuschlagen. Ein paar meiner Freunde waren hier um mich zu verabschieden und ich war dankbar für die Ablenkung. So gern ich sie auch alle mochte, selbst unter ihnen fühlte ich mich nicht richtig geborgen. Als wäre das hier nicht der richtige Platz für mich. Meinen eigentlich besten Freund hatte ich vor vielen Jahren in Kanada auf einem Auslandssemester kennen gelernt. Und wie der Zufall es wollte, arbeitete genau dieser Mann auf genau dieser Ranch, auf der ich ebenfalls bald zugegen sein würde. Es schien alles perfekt zu sein, einer himmlischen Fügung gleichend, und fühlte sich so richtig an, wie noch nie etwas zuvor in meinem Leben.

 

Der Abend lief so dahin. Alles fühlte sich seltsam leer an, wie die Ruhe vor dem Sturm, vor der großen Veränderung. Mein Verstand versuchte mir verzweifelt Angst einzureden, kam jedoch nicht gegen die Klarheit in meinem Inneren an.

 

“Alejandro, erklär’ mir doch noch mal, warum ich nicht mit in deinen Urlaub kann. Ich würde dich so schön verwöhnen…”, sagte eine säuselnde Frauenstimme mit knallharter Aussprache.

 

Ähm ja. Das war Juanita. Meine “Freundin”. Zumindest hielt sie sich dafür. Also, gut, sie war es eigentlich auch, nur war das ein Zustand, den ich schon seit Längerem nicht mehr begrüßte. Ehrlich, sie war toll, aber sie ging mir auf die Nerven. High-Heels hier, Party da. Das war nichts für mich. Sie war schön anzusehen und nicht sonderlich herausfordernd - man könnte es auch dumm nennen. Und noch dazu war sie bereits sturzbetrunken.

 

“Jandro, hast du ihr noch immer nichts gesagt?”, Carlos sah mich ungläubig an, schließlich waren wir ja hier sozusagen auf meiner Abschiedsparty.

 

“Was gesagt?”, fragte sie lallend und blickte mich an.

 

Ich strich mir mit der Hand übers Gesicht: “Ich fahre nicht in den Urlaub, Juanita.”

 

“Du fährst nicht in den Urlaub? Also bleibst du hier? Das ist ja toll, ich…!”

 

“Nein, ich fahre schon in den Urlaub.”

 

Sie sah mich angestrengt an: “Also jetzt bin ich verwirrt. Fährst du jetzt in den Urlaub, oder nicht?”

 

“Ich fahre. Aber ich komme nicht wieder.”

 

“Du machst also für immer Urlaub? Hey Jungs, Jandro will für immer Urlaub machen, ist das nicht witzig?”, kicherte sie und nahm mich offensichtlich nicht ernst.

 

Juanita bemerkte schnell, dass außer ihr keiner darüber lachte. Sie erntete nur betretene Gesichter.

 

“Was hat das zu bedeuten, Jandro? Kommst du nicht mehr zurück? Was… was tust du denn dann?”, mit großen Augen sah sie mich an.

 

“Ich wandere aus, Juanita.”

 

Ihr Mund klappte auf.

 

“Neeeein, du verarschst mich. Sag mir, dass das ein Scherz ist!”

 

Die Stille tat ihr übriges, dann hielt ein Tornado wie man ihn noch nicht gesehen hatte Einzug, ehe einer meiner Freunde sie nach Hause brachte, bevor sie eine waschechte Kneipenschlägerei anrichtete. Somit war das Thema auch erledigt…

 

 


Riley

 

 Ich hatte wirklich vorgehabt, einen guten Eindruck zu machen. Ich hatte wirklich vorgehabt, mich zusammenzureißen. Und ich hatte wirklich vorgehabt, nicht schon wieder alles verkehrt zu machen. Aber mit ihr hatte ich nicht gerechnet. War das Ironie des Schicksals, dass es mir ausgerechnet so jemanden schickte? Nun, ich kann nicht sagen, dass sie mich vom ersten Augenblick an hasste, aber meine Anwesenheit trug sicher nicht zu ihrer Freude bei. Dass ich eigentlich nicht hier sein sollte, erstens wie aus dem Nichts auftauchen und zweitens nicht erwünscht sein würde, war mir ja klar gewesen. Es wäre nicht einfach geworden, aber ich hätte mich schon irgendwie eingeschleimt, sozusagen. Aber bei ihr ging das einfach nicht, mit ihrer kratzbürstigen Art hatte ich vom ersten Augenblick an nur Schmunzeln können und mich ein wenig in Wortkargheit geübt, was sie selbstverständlich noch mehr auf die Palme gebracht hatte. War mir schon klar. Ich hatte aber viel zu schnell vergessen, dass ich sie wirklich brauchte und, dass es wichtiger für mich war als sie bisher ahnte, dass sie mich hier anstellte. Aber das würde ich ihr ein andermal verraten, momentan war noch nicht die Basis geschaffen für vertrauensvolle Informationen und Abhängigkeitserklärungen.

 

Gott, mir graute schon davor. Das würde sie wohl so richtig auskosten.

 

Aber davor konnte ich mir noch ein paar Späßchen erlauben, sie schien keine zu sein, die sich vorschnell wieder umentschied, also befand ich mich wohl, solange ich nichts ernsthaft Blödes anstellte, einigermaßen auf sicherem Terrain. Es wäre grauenvoll neben ihr zu sitzen und sie nicht aufziehen zu dürfen, wo es doch so herrlich funktionierte, weshalb ich froh war, dass ich mich nicht verstellen, oder gar um eine Anstellung betteln musste. Das vorhin hatte mir schon genügt. Ich hasste es die Menschen um etwas bitten zu müssen.

 

Wir waren über die altertümliche Holzveranda, durch den Gang gleich rechts und durch die erste Tür in die Küche gegangen. Ihre neue Küche. Mittlerweile saßen wir schon am Tisch und tranken Kaffee. Ein paar ungewollte Erinnerungen kamen in mir hoch, als ich mich in der Küche umsah. Auch die Wände innerhalb des Hauses waren aus hellen Holzstämmen, es war ein wirklich massives Gebäude. Gleich gegenüber der Tür war die nahezu antike Küche, mit allem, was man so brauchte: Ofen, Spülmaschine, Waschbecken,... Die Schränkchen waren von dunkler Farbe, hier drinnen war so gut wie alles aus Holz. Die Scharniere waren schwarz. Der Kühlschrank und der Ofen waren zwei der neueren Gegenstände hier drinnen. Trotz Jacks Weigerungen hatte Lilly sie irgendwann ausgetauscht, sie wollte endlich auch mal ein wenig Technik, zumindest in ihrer Küche – sonst liebte sie alte Sachen und, was sie Jack nie gesagt hatte, auch sie hatte vor allem den alten Ofen nur schweren Herzens hergegeben.

 

Ich saß auf einem der knarrenden Stühle an dem massiven, großen Tisch Mona gegenüber, die auf der altertümlichen Eckbank saß. Wir befanden uns in der gegenüberliegenden Ecke von der Kücheneinrichtung, direkt hinter mir war die Tür zur Speisekammer. Wenn ich den Kopf ein wenig nach links drehte, konnte ich aus dem Fenster schauen und den Hof überblicken. Dort herrschte absolute Stille, nichts rührte sich. Hart zu sehen, wie lebhaft hier alles noch gewesen war vor ein paar Wochen und wie ausgestorben jetzt alles dalag.

 

Ursprünglich, als ich alle Pferde verkaufen musste und alle Angestellten entließ, hatte ich vorgehabt, diese Person, die Jack nie wirklich gekannt hatte und die sich da einfach so auf den Chefsessel hockte, zu vergraulen. Aber es hätte mir nicht viel gebracht, denn selbst wenn ich sie dazu gebracht hätte, zu verkaufen, hätte ich mir die Ranch hier nie im Leben leisten können. Ich könnte mir nicht einmal mein Pferd leisten, hätte Jack ihn nicht kostenlos hier mitlaufen lassen. Davon abgesehen hatte Jack mir eingebläut, mich mit der Erbin gutzustellen.

 

Seit ich Madame kennengelernt hatte war ich der Meinung, dass die Gold Eagle Ranch und ich es vielleicht gar nicht so schlecht getroffen hatten. In den nächsten Tagen würde sie ihr Talent noch unter Beweis stellen müssen – dafür würde ich schon sorgen, aber vorerst würde ich ihr keine Frösche ins Bett und keine Kakerlaken auf den Frühstückstisch legen. Im Gegensatz zu meinem war ihr erster Eindruck ziemlich gut gewesen – was in gewisser Weise ihr Glück war.

 

„Es ist ziemlich still hier.“

 

Ich sah sie an. Sie hielt ihre Tasse mit beiden Händen und hatte die Ellenbogen auf dem Tisch abgestützt. Das lange braune Haar hing ihr über die Schultern, das schwarze Top unter der Karobluse lag eng an. Den Hut hatten wir beide abgelegt und ich musste zugeben: Mit Hut hatte sie mir gefallen - aber jede Frau, die einen Hut trug, hatte einen gewissen kleinen Bonus bei mir - aber ohne war sie nicht minder schön.

 

Mit ihrer Aussage hatte sie ziemlich genau meine momentanen Gedanken getroffen, weshalb ich im ersten Augenblick ein wenig perplex gewesen war.

 

„M-hm. Irgendeine wahnsinnige Erbin hat alle Pferde fortbringen und alle Leute feuern lassen.“

 

Sie schien zu spüren, dass meinen Worten mehr Wahrheit innelag, als sie anklingen ließen, denn sie sagte mit einem nahezu scheuen Lächeln: „Nun, sie muss ja ein ziemliches Ekel sein.“

 

„Dachte ich auch, aber nun ja... sooo schlimm ist sie gar nicht.“

 

Im ersten Moment sah sie mich empört an, dann lachte sie, wodurch ich es mir auch nicht verkneifen konnte. Sie hob ihre leere Tasse hoch.

 

„Wollen wir?“

 

„Meinetwegen“, sagte ich, trank den letzten Schluck schnell aus und wir standen auf.

 

„Also, hier ist schon mal die Speisekammer. Jack und Lilly haben noch ein paar Sachen hier gelassen. Den Großteil sollten Sie wohl schleunigst entsorgen.“

 

Die junge Frau lugte durch die Schiebetür in die kleine Kammer, an deren länglicher Wand ein langes Stauregal stand, das sich noch den halben Meter um die Ecke an der hinteren Wand bog. Dies hier war zwar nur die Speisekammer, aber es war merkwürdig jemand fremden diese persönlichen Orte und Dinge zu zeigen. Genau genommen war sie nämlich eine Fremde, sie hatte Jack nur in ihrer Kindheit gesehen, das wusste ich.

 

Wir gingen weiter auf den Flur hinaus und bogen rechts ab, an der Treppe vorbei, wo ich ihr kurz den Waschraum zeigte. Außer einer Waschmaschine, einem Trockner, einem einfachen Regal, einem Bügelbrett und zwei Wäscheständern war dort nichts. Gegenüber von diesem Raum lag ein kleines Bad, das außer einer kleinen Gästedusche keine Extravaganzen aufwies. Ein Zimmer weiter war das Wohnzimmer, welches die restliche Hälfte des Hauses diesseits des Flurs einnahm. Jack hatte das Haus selbst gebaut, er hatte große Wohnzimmer geliebt.

 

„Wow“, sagte sie, als wir hineingingen.

 

Hier sah es aus wie in einer Mischung aus Wildwestfilm und Großgrundbesitzer-Gut. Rechts war ein Tisch mit Fotos, die auch an der Wand in dieser Ecke verteilt waren. Miss Manfredi ging dorthin und sah sie sich an.

 

„Das war Jack, oder?“, fragte sie und deutete auf einen Bilderrahmen.

 

Ich trat zu ihr und betrachtete die braunweiße Fotografie von Jack Manfredi, meinem Vater, den ich nie hatte. Er war ein gesunder, junger Mann gewesen, als dieses Foto aufgenommen worden war. Seine braunen Augen sahen einen direkt an, und wie jedes Mal, wenn er mich so angesehen hatte, wusste ich, dass er direkt in mich hinein sehen konnte. Vom ersten Augenblick an hatte er in mir etwas gesehen, etwas Ehrliches vielleicht, oder etwas Gutes, was auch der Grund dafür gewesen sein musste, dass er mir eine Chance gegeben hatte. Er hatte sich immer auf sein Bauchgefühl verlassen. Betrachtete man dieses Bild als Ganzes sah man einen harten Mann, geprägt durch die schwere und zehrende Arbeit. Wenn man aber seine Mundwinkel genauer betrachtete erkannte man dort eindeutig ein Lächeln – er war glücklich gewesen. Und die Andeutung von den Grübchen in seinen Wangen zeugten von seinem großen Herzen. Gott, warum nur mussten Menschen sterben? Erst als sie mich ansah bemerkte ich, dass ich ihr noch nicht geantwortet hatte.

 

„Äh, ja, das ist er.“

 

Sie wandte sich wieder ab.

 

„Er sieht zufrieden aus“, stellte sie fest.

 

Ich nickte: „Ja, da war er noch jung.“

 

„Und das ist Lillian, sie würde ich überall erkennen.“

 

Ein Lächeln lag auf meinen Lippen als ich das Bild von Jacks Frau näher betrachtete. Sie war immer voller Energie gewesen und hatte den Dingen einen weiblichen Touch gegeben, was neben Jack wohl auch wirklich nötig gewesen war. Vor allem das Cottage hatte ihre Note bekommen, Jack hatte ihr dort ganz freie Hand gelassen. Sie schien immer ein wenig zerstreut, immer beschäftigt, aber diese Frau zu unterschätzen war einer der größten Fehler, die man hatte machen können. Sie wusste immer alles, ihr entging nichts, aber auch gar nichts, und es wurde nicht zu selten gemunkelt, dass sie es eigentlich war, die diese Ranch aus dem Hintergrund leitete. Ich wusste, dass es in Wirklichkeit nicht so gewesen war, das hier war absolut Jacks Werk, aber sie hatte mit Sicherheit einen großen Teil dazu beigetragen und so manches Problem gelöst, ehe es wirklich entstehen konnte.

 

„Stimmt.“

 

Miss Manfredi drehte sich um und sah sich das restliche Wohnzimmer an. An der gegenüberliegenden Wand befanden sich zwei Fenster, die das Reitviereck und die Reithalle zeigten. An der Wand rechts davon war ein alter Schrank und eine uralte Stehuhr. Links davon in der Ecke an der Wand zum Gang stand ein Sofa, ein kleiner Tisch und ein uralter Fernseher. Die beiden hatten nie ferngesehen, dazu hatten sie einfach nicht die Zeit gehabt und wenn, dann hatte es dieses Gerät getan. Ich war mir gar nicht sicher, ob es nicht sogar noch schwarz-weiß war.

 

„Wunderschön“, sagte sie, „Ich denke hier kann man sich mit Sicherheit zuhause fühlen.“

 

So etwas ähnliches wie Eifersucht stach kurz in meiner Brust, aber ich wusste, dass ich dieses Thema schon mit mir durchgesprochen hatte. Du warst nun einmal nicht mit ihnen verwandt, Riley. Mona Manfredi, die Nichte, würde das nun alles bekommen und das war rechtens so. Mein Gefühl sagte mir, dass es auch gut war, dass sie gut war für diese Ranch. Aber das alles hier lag mir so sehr am Herzen, dass ich dem noch nicht vorschnell über den Weg traute.

 

„Wollen wir raufgehen?“, fragte ich und gleich darauf gingen wir die Treppe hoch, auf der man noch so vorsichtig gehen konnte – sie knarrte. Selbst eine Fliege würde man hören.

 

„Großer Gott“, staunte sie, als sie sich dem XXL-Fensterbogen gegenübersah, der bis auf die Abrundung oben die gesamte östliche Wand des Ganges einnahm.

 

Sie setzte sich in den uralten Schaukelstuhl und sah hinaus. Die Aussicht war atemberaubend. Direkt vor der Nase hatte man den riesigen Rodeoplatz, rechts sah man die Ausläufe der Rennbahn und links ein Stück der Halle und die Einzelkoppeln. Den Horizont nahmen im Nordosten die Berge, genannt Gold Rush Mountains, ein, und davor, nach einer ewigen Grasebene, sah man einen Fluss, der hin und wieder durch die Nadelbäume glitzerte. Dieser Fluss floss auch durch die erste Weide, die einzige Koppel hier, die keinen Namen hatte.

 

Ich kannte die Aussicht schon, bei Sonnenauf- oder Untergang war sie noch Tausend Mal schöner. Mein Blick glitt zu der Erbin dieses riesigen Anwesens, die leicht im Schaukelstuhl hin- und herwippte und verträumt aus dem großen Fenster blickte. Weiß der Himmel, wo sie mit ihren Gedanken war, sie sah jedenfalls wunderschön aus und irgendetwas in mir drin sagte mir, wehr dich so lange dagegen wie du willst Riley, aber sie gehört hierher. Ich musste daran denken, wie Jack Lilly hier immer gesucht hatte, denn es war der einzige Ort im Haus, wo keine Diele knarrte und es auch sonst völlig still war. Er hatte sie nie gehört wenn sie hier gewesen war.

 

Es verstrichen mit Sicherheit ein paar Minuten, irgendwann legte ich schließlich meine Hand auf ihre Schulter und sagte: „Schauen wir weiter?“

 

Da sie leicht zusammenzuckte, musste sie wirklich in Gedanken versunken gewesen sein, aber gleich darauf lächelte sie: „Oh, tut mir Leid. Das ist ein wundervoller Platz hier.“

 

Ich lächelte zur Antwort und deutete auf die Tür rechts von uns: „Da ist altes Zeug drin, wahrscheinlich aus den letzten drei Jahrhunderten. Vorne rechts ist das Schlafzimmer.“

 

Dieses sahen wir uns als nächstes an. Es war auch ein ziemlich großer Raum, an den Wänden standen ein paar Schränke, ein Doppelbett und zwei Nachtkästchen. Was eben so in ein Schlafzimmer gehörte. Das Bett war riesig und massiv, wahrscheinlich müsste man es erst in Stücke zerhauen, um es je wieder aus diesem Haus zu bekommen. Mona sagte nichts und so gingen wir ins Badezimmer, das gegenüber lag. Im Gegensatz zum kleinen Bad unten war hier noch zusätzlich eine Badewanne. Dann kamen wir zum letzten und für mich schwierigsten Zimmer: Jack‘s altem Büro. Was soll’s, alter Junge, länger kannst du’s nicht mehr hinauszögern.

 

„Jacks Büro“, murmelte ich und nickte zur entsprechenden Tür, woraufhin sie vorging.

 

Ich hatte es gewusst. Sofort umfing uns diese Atmosphäre und ich konnte nicht umhin als das Gefühl zu haben, Jack sei da. Das hier war sein Büro, er hatte es geliebt und alles hier drin deutete auf ihn hin – bis auf ein Stück, das war eindeutig nicht von ihm. Die rechte Wand war ein einziger Schrank, davon gegenüber, links von der Tür, stand ein Monster von einem Schreibtisch mit einem urigen großen Chefsessel und zwei im Gegensatz dazu mickrigen Stühlen auf der anderen Seite.

 

Mona lachte: „Was macht denn der Hängestuhl hier?“

 

Das Etwas, was nicht hier rein zu passen schien, war der Hängestuhl, den Lilly dort drapiert hatte. Er stach sofort ins Auge.

 

Ich ging zu ihm hin und strich an den Strängen entlang: „Der ist von Lillian. Jack saß hier oft stundenlang und sie wollte ihm Gesellschaft leisten. Trotz vehementem Protest seinerseits hat sie ihn dort aufgehängt. Meistens hat sie gelesen, gestrickt, oder genäht und hat dabei die Aussicht genossen.“

 

„Vom Genießen hat diese Frau definitiv etwas verstanden“, stellte sie fest und ging bis ganz vorne ans Glas. Fast genau direkt gegenüber von der Tür war ein übergroßes Dachfenster, man konnte locker darin stehen. Auch hier war die Aussicht unglaublich. Über die Rennbahnen hinweg erblickte man die Koppel ohne Namen und dahinter war nichts als endloser Wald, der etwas höher lag als die Ranch selbst.

 

„Wer auch immer dieses Haus gebaut hat: Danke!“

 

Ich sagte nichts darauf, denn ich war der Meinung dass mein Schweigen Zustimmung genug war. Und so schön es hier auch war: Ich wollte wieder raus. Vor allem aus dem Arbeitszimmer.

 

„Ich warte unten auf Sie.“

 

Schleunigst machte ich mich auf den Weg zur Tür, als ich ihre Stimme noch einmal vernahm.

 

„Du.“

 

Ich sah sie an, wie sie da stand in Jack‘s Büro, mit der Kulisse außerhalb des Fensters im Hintergrund. Wunderschön, als wäre sie schon immer hier gewesen.

 

Ich nickte: „Ich warte auf dich.“

 

Unten angekommen setzte ich mich draußen auf die Bank vor dem Küchenfenster. Das Ganze wurde mir gerade ein wenig zu viel, ich brauchte frische Luft und etwas anderes zu sehen als Dinge die mich zu 100 % an die Manfredis erinnerten. Dieses Haus bestand förmlich aus ihnen, zumindest für jemanden, der sie gekannt hatte. Der Hof lag seelenruhig da, ein leichter Wind wirbelte hier und da ein bisschen Staub auf. Dass Mona mir das „Du“ angeboten hatte verwirrte mich ein wenig, denn vor nicht allzu vielen Minuten hatte sie mich noch nicht einmal hier haben wollen, aber, dass mir diese Frau Rätsel aufgeben würde, war mir von der ersten Sekunde an klar gewesen, da ich sie in den Highways – dem Hengststall - gesehen hatte.

 

„Du kanntest sie gut, oder?“

 

Ich ließ es mir nicht anmerken, aber ich war erschrocken, sie plötzlich vom Türrahmen aus sprechen zu hören. Wie lange stand sie da schon und sah mir beim Grübeln zu? Ich nickte einfach nur, wusste nicht, was ich sonst sagen sollte.

 

Eigentlich ging ich davon aus, dass sie mir weitere Fragen stellen würde, aber nach ein paar Sekunden in denen ich nichts weiter sagte, kam sie zu mir und setzte sich neben mich auf die Bank. Stille hüllte uns ein.

 

„Die Manfredis waren wie eine Familie für mich, ich war der Sohn den sie nie hatten. Lillian konnte keine Kinder bekommen und ich war zwar kein Baby, aber – warum auch immer – schlossen sie mich beide ins Herz. Als Lilly starb ging es bergab mit Jack und nach und nach übertrug er mir die Leitung der Ranch. Dann starb auch er und... dann kamst du.“

 

Warum erzählte ich ihr das? Gut, dass ich ihr zumindest nicht verraten hatte, dass sie mich um jeden Preis anstellen musste. Das würde ich ihr auch noch sagen müssen, früher oder später erfuhr sie es ohnehin, wenn sie einen Brief ins Haus bekam. Aber ich kannte sie kaum, ich konnte ihr nicht sofort alles erzählen.

 

„Dann komme ich und ziehe in dieses Haus ein, welches wohl eigentlich dir gehören sollte.“

 

Ich sah sie an und sagte nach kurzem Überlegen: „Nein. Noch sehe ich den Grund nicht, aber Jack hatte immer einen siebten Sinn für die Dinge. Mir konnte er es nicht vererben, vielleicht hätte er es getan, wenn es möglich gewesen wäre. Aber wie auch immer, er hat diese Ranch für dich bestimmt und das hat er nicht einfach so getan.“

 

„Aber er kannte mich doch kaum“, meinte sie.

 

Ich nickte: „Trotzdem. Wart‘s nur ab, irgendetwas wird dabei herauskommen, was uns alle noch überrascht.“

 

Und als würde Jack antworten fegte ein Windstoß über den Hof und schleuderte Milliarden Sandkörner durch die Luft.

 

 

 

 Jana

 

 “Hast du die Erste-Hilfe-Box schon eingepackt?”

 

Meine Mutter stand zum fünfzigsten Mal im Türrahmen - mit hochgezogenen Augenbrauen und aufgerissenen Augen; ihr Stressgesicht. Ich hatte immer den Eindruck ihre Haare sahen anders aus, wenn sie sich so verrückt machte. Als stünden sie unter Strom und näherten sich immer mehr den zu Berge stehenden Haaren von Albert Einstein an. Während der eine Teil meines Gehirns gerade seltsame Vergleiche zwischen Einstein und meiner Mutter anstellte, wischte der andere Teil diesen Unsinn unwirsch zur Seite. Für so etwas hatten wir jetzt keine Zeit! In nicht weniger als 24 Stunden würde sich mein Leben nämlich komplett verändern.

 

“Ja, hab ich!”, bellte ich zurück.

 

“Vergiss ihn nicht, Gürkchen. Dort drüben geht es ganz schön rabiat zu, du weißt das. Du musst vorsorgen und auf dich aufpassen! Wenn ich nur daran denke, sie werden dich das erste halbe Jahr mit Sicherheit nur Mist schaufeln lassen, dir Streiche spielen und üble Witze über dich reißen. Hach Gott, Schätzchen, willst du dir das nicht doch noch einmal überlegen? Du hast doch hier ein wundervolles Leben, einen tollen Job. Willst du das wirklich alles aufgeben für einen Haufen Rowdies und schmutziger Pferde?”

 

Ein wundervolles Leben, dass ich nicht lache. Nordamerika war gerade mal weit genug weg von dieser furchtbaren Frau die gerade in meinem Zimmer stand und mir erzählen wollte, wie es auf einer Ranch zuging. Sie musste es ja wissen, wenn überhaupt hatte sie so etwas nur im Fernsehen gesehen. Sie hatte keine Ahnung was dahinter steckte. Trotz allem schaffte sie es immer wieder, mir Angst mit solchen Ausmalungen zu machen. Damit traf sie einen Nerv, denn ich hatte selbst Bange vor dem Unbekannten.

 

“Wir haben schon Tausend mal darüber gesprochen, Mutter. Ich werde das jetzt nicht noch mal diskutieren”, sagte ich, um sie zum Schweigen zu bringen, damit sie mich nicht noch mehr verunsichern konnte.

 

“Ist ja gut, ist ja gut. Ich hoffe nur du weißt, was du da tust. Vergiss die Erste-Hilfe-Box nicht!”, sagte sie und verließ das Zimmer wieder. Zumindest für die nächsten 1,7 Minuten, dann würde sie hier wieder auftauchen.

 

Ich atmete tief durch. Diese Frau machte mich wahnsinnig! Natürlich wusste ich, dass sie es nur gut meinte und sie war die wundervollste Mutter der Welt, trotzdem konnte ich es nicht erwarten endlich von hier weg zu kommen. Mit meinen 22 Jahren wohnte ich noch immer bei meinen Eltern, obwohl ich bereits einen Job hatte und eigenes Geld verdiente. Der Grund? Ausziehen würde mein Problem, mich noch immer wie eine Fünfzehnjährige zu fühlen, nicht lösen. Sie würde mich anrufen und besuchen wann immer sie wollte. Privatleben? Nichts da. Ich hoffte, ein ganzer Ozean würde reichen, um sie ein wenig von mir fernhalten zu können. Auch wenn es mir schwer fiel.

 

Ich war fertig mit Kofferpacken und verschloss den größten der sieben Koffer, die nicht einmal alle auf meinem Bett Platz hatten, soeben. Mein Blick viel auf die Erste-Hilfe-Box, die ich eigentlich nicht vorhatte mitzunehmen. Ein Moment des Mitleids und des schlechten Gewissens ließ mich jedoch den Koffer wieder öffnen und mit Müh und Not schaffte ich es, die Box rein zu quetschen. Irgendwo tief in mir drin beruhigte mich das Wissen, eine solche Notbox zu haben, auch. So gut ich konnte versuchte ich meine eigene Angst vor der Zukunft zu verbergen - was mir recht leicht viel, dank meiner Mutter. Solange sie aufgeregt und ängstlich war, konnte ich ruhig und zuversichtlich sein. Sobald ich alleine im Flugzeug saß würde sich zeigen, wer hier wirklich die Panik-Tante war.

 

“PAAAAAAAAPAAAAAA!!!!!!!!!”, schrie ich wie am Spieß durchs ganze Haus. Das war normal bei den Hartwigs. Was meine Mutter zu viel an Fürsorglichkeit und Spritzigkeit hatte fehlte meinem Vater ganz eindeutig. Nach gefühlten drei Stunden war er endlich die Treppe herauf in mein Zimmer gekommen. Im Gegensatz zu meiner Mutter sah er meine Packstücke zum ersten Mal - was unschwer in seinem Gesicht zu erkennen war.

 

“Das ist nicht dein Ernst, oder?”

 

Jetzt gab es zwei Möglichkeiten: Entweder ich setzte den Tochter-Dackelblick auf und schleimte mich ein, oder meine Mutter kam und bequatschte ihn so lange, bis er freiwillig auch 24 Koffer nach unten tragen würde. Zu meinem Glück musste ich ihn nicht auf allen Vieren anflehen, eine Sekunde nach ihm flog meine Mutter ins Zimmer und plapperte sofort drauf los: “Karl-Heinz, deine Tochter wird ein völlig neues Leben beginnen, auf einem fremden Kontinent. Wir wissen nichts über die Wetterverhältnisse dort oder die Anforderungen in ihrem neuen Job. Wer weiß schon, was sie alles brauchen wird? Besser sie nimmt alles mit, dann ist sie auf jeden nur erdenklichen Fall vorbereitet. Oder willst du, dass sie auf die Hilfe dieser schmutzigen Cowboys angewiesen ist? Pah, die werden weiß Gott was als Gegenleistung verlangen!”

 

“Mutter!” Entsetzt sah ich sie an. “Ich werde auf einer Ranch arbeiten, nicht in einem Bordell!”

 

“Also wirklich Elly, jetzt übertreibst du aber wieder maßlos”, widersprach auch mein Vater und begann, wie erwartet, die ersten beiden Koffer nach unten zu tragen. Um einem weiteren Gespräch mit meiner Mutter zu entkommen packte ich ebenfalls einen Koffer und zerrte ihn mehr schlecht als recht nach unten. Auf halben Weg zur Treppe nahm in mir mein Vater kopfschüttelnd ab. Selbstzweifel überkamen mich - ich konnte noch nicht einmal meinen Koffer nach unten tragen, wahrscheinlich war ich viel zu schwach für diesen Job? Oh Gott, wie sollte ich all die Koffer überhaupt vom Flughafen in mein Auto bringen? Wie immer, wenn ich keine Lösung wusste, verschob ich das Nachdenken auf später. Mir würde dann schon was einfallen… hoffte ich.

 

“OK, vielleicht habe ich ein bisschen übertrieben, Gürkchen, aber du darfst dich von diesen Männern wirklich nicht ins Boxhorn jagen lassen. Du bist eine Hartwig, wir lassen uns nichts von einem Mann sagen!”, riss mich meine Mutter - Gott sei Dank - aus meinen Zweifeln. Im selben Moment kam mein Vater wieder herein: “Ach, ist das so, ja? Dann brauchen die Männer im Gegenzug ja auch wohl nicht auf euch hören und ihr könnt eure Koffer jetzt selbst runter tragen…”

 

Ich hörte nicht mehr zu, während meine Eltern in meinem Zimmer verschwanden. Stattdessen ging ich die Treppe wieder nach unten und sah mich um. Die Küche, das Wohnzimmer. Eine vertraute Umgebung, die ich so schnell nicht wieder sehen würde. Ja, ich konnte es kaum erwarten weg zu kommen, doch ich wusste ganz genau, dass mir all das hier fehlen würde. Mit einem beklemmenden Gefühl blickte ich auf die Fotos, die am Kühlschrank hingen. Ich als Baby, ich als Kind, ich als Teenager… Bald würden dort auch Bilder von mir als Erwachsene hängen und meine Eltern würden Freunden und Bekannten, die zu Besuch kamen, von ihrer verschollenen Tochter erzählen. Bevor ich mich weiter hineinsteigern konnte und womöglich noch angefangen hätte zu weinen - was fatal wäre, denn dann würde mich meine Mutter mit Sicherheit überzeugen, zu bleiben - kamen die beiden Verrückten wieder die Treppe hinunter.

 

“Davon abgesehen ist Hartwig ganz genau genommen der Familienname meiner Familie”, sagte mein Vater, der mit zwei großen Koffern bepackt war.

 

“Ach, so kommst du mir jetzt, ja? Das ist ja fein. Weißt du was, wir hätten auch meinen Namen nehmen können, doch den warst du ja nicht in der Lage auszusprechen! Cantalloube, was ist daran eigentlich so schwer?”

 

“Was daran so schwer ist? Hast du mal gesehen wie ihr Franzosen Wörter schreibt? Das hat mit dem Gesprochenen absolut nichts gemein!”

 

Obwohl ich froh war, dass die beiden sich zankten wie immer, sehnte ich mich doch nach ein wenig Ruhe um nachdenken zu können. Ich beschloss, mich schon einmal ins Auto zu setzen, bis sie fertig waren. Jetzt musste ich nur noch die Autofahrt zum Flughafen überstehen. Und den Abschied. Und den Flug…